Etappenpilgern 2001

Von Köln nach Trier (Teil 1)

Von Prof. Dr. Horst Degen

Die Römer waren wohl die Ersten, die eine Straße von Trier aus durch die Eifel nach Köln anlegten. Sie war Teil der großen Nord-Süd-Verbindung vom Rheinland in Richtung Provence (Frankreich). Auffällig bei den Römerstraßen ist ihr schnurgerader Verlauf. Heutzutage folgen die ebenfalls geradlinigen Bundesstraßen oft diesen alten Trassen.

Schon kurz nach Gründung der Sankt-Jakobusbruderschaft Düsseldorf konzipierte der Geschäftsführer des Vereins, Heinrich Wipper, einen »vereinseigenen« Pilgerweg von Düsseldorf nach Santiago de Compostela, der über Köln und Trier nach Frankreich verläuft. Dabei gab die alte Römerstraße die Richtung vor. Ihr genau zu folgen, war jedoch nicht ratsam. Die Römerstraße ist nämlich – zumindest von Köln bis Bitburg – nicht mehr so einfach im Gelände zu entdecken und wird in ihrem südlichen Teil gänzlich von der heutigen Bundesstraße Nr. 51 eingenommen. So lag es nahe, den Wanderweg Nr. 5 des Eifelvereins, an dem die bedeutenden Abteien von Prüm und Echternach liegen, als Basis eines Jakobsweges durch die Eifel zu nehmen.

Im Jahre 1982 lud Heinrich Wipper zu einer ersten Pilgerwanderung auf diesem Weg ein – allerdings erst ab Bad Münstereifel. Zu den Teilnehmern gehörte damals auch bereits Prof. Dr. Gerd Gellißen, der heutige Vorsitzende der Sankt-Jakobusbruderschaft Düsseldorf. In den Jahren darauf machten sich mehrere Pilgergruppen unter der Leitung unserer Mitglieder Georg Pigulla, Werner Neubach u. a. daran, diesen Spuren zu folgen. Der erste moderne Pilger, der allein und in einem Zug den Weg von Köln nach Santiago absolvierte und diesen Weg benutzte, war im Jahre 1985 unser Kölner Mitglied Herbert Simon. Im vereinsofӿziellen Itinerar Köln – Santiago, das in der Kalebasse Nr. 17 (1995) veröffentlicht wurde, sind die zehn Tagesetappen von Köln nach Trier erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt worden.

Im Rahmen des Projektes »Pilgerwege im Rheinland«, das der Landschaftsverband Rheinland zusammen mit der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft Aachen betreibt, ist diese Streckenführung durch die Eifel übernommen worden. Ebenfalls im Rahmen dieses Projektes führt die Sankt-Jakobusbruderschaft Düsseldorf ihre Aktion »Etappenpilgern 2001« durch, bei der diese zehn Etappen nicht hintereinander, sondern verteilt über fünf Monate erwandert werden sollen. Die Aktion hat bei Mitgliedern und Freunden großes Echo hervorgerufen. Bis zu den Sommerferien sind fünf Tagesetappen absolviert und nach den Sommerferien stehen drei Wochenendetappen auf dem Programm. Im Folgenden möchte ich über meine Eindrücke bei den ersten vier Etappen berichten.

Abb. 1 - Etappenpilger beim Start am Petersportal des Kölner Domes

Von Köln nach Brühl

Am Samstag, dem 31. März 2001, begann unser Projekt »Etappenpilgern 2001«, mit dem die Strecke von Köln nach Trier an ausgewählten Samstagen und Wochenenden bis Ende September erwandert werden soll. Treffpunkt und Start war um elf Uhr unter dem großen Gewändestandbild des Apostels Jakobus am Petersportal des Kölner Domes – dem rechten der drei Portale (Abb. 1). Leider sind die fünf großen Apostelfiguren aus den Jahren 1375 bis 1380 so schlecht erhalten gewesen, dass sie schon vor längerer Zeit durch Kopien aus Steinguss ersetzt werden mussten. Aber auch an diesen Kopien hat schon wieder der Zahn der Zeit genagt – neben Autoabgasen sind wohl auch Tauben die Übeltäter. Auch an diesem Morgen saß eine Taube ausgerechnet auf der Bibel unseres Heiligen (übrigens der fünfte von links, mit Bibel in der rechten und Muschel in der linken Hand). Bereits eine halbe Stunde vor dem festgesetzten Termin fanden sich die ersten Teilnehmer erwartungsvoll ein. Manche waren direkt mit der Bahn angereist, andere hatten zuvor ihr Auto am Zielort Brühl abgestellt und benutzten von dort den Zug bis zum Kölner Hauptbahnhof. Die Wanderlustigen kamen von überall her: aus Bonn, aus Ratingen, aus Velbert, aus Weilerswist, aus Jüchen, aus dem Düsseldorfer und dem Oberbergischen Raum und natürlich aus Köln selbst. Es waren nicht nur Mitglieder unserer Bruderschaft, sondern auch andere am Projekt Interessierte, die über Pressenotizen und Mund-zu-Mund-Propaganda von der Aktion gehört hatten, sowie Mitglieder der Matthias-Bruderschaft und der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft. Manche berichteten, dass sie planen, in diesem Jahr selbst auf französischen oder spanischen Jakobswegen unterwegs zu sein. Sie betrachteten die heutige Veranstaltung als Einstimmung darauf. Auch Partner(innen) von Mitgliedern waren überredet worden, es einmal mit dem Pilgern zu versuchen: »Vierzehn Kilometer sind doch nicht so viel!« – »Aber wenn man so etwas noch nie gemacht hat!« Sogar »Mammut-Wanderer« aus Velbert, die sich sonst einmal im Jahr zu einer mindestens 50 Kilometer langen Power-Tages-Tour treffen, waren mit am Start. Hoffentlich lassen sich die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und Erwartungen unter einen (Pilger-)Hut bringen!

Der Andrang war jedenfalls unerwartet groß. Die Ausrichter hatten mit etwa 40 Teilnehmern gerechnet. Bis zum Beginn der Veranstaltung fanden sich aber mehr als einhundert Personen ein – welch ein Zuspruch! Nur einer fehlte und wurde um so sehnsüchtiger erwartet: der Mann, der die Pilgerpässe aus der Druckerei mitbringen wollte. Der Vorstand der Jakobusbruderschaft hatte nämlich kurzfristig beschlossen, für diese erste Teilstrecke des »Kölner Weges« spezielle Pilgerpässe anfertigen zu lassen, die genau Platz für die Stempel der Etappenorte der 214 Kilometer langen Strecke von Köln nach Trier bieten. Aber auch die Nervosität der Veranstalter angesichts der fehlenden Pilgerpässe half im Augenblick nicht weiter; um Punkt elf Uhr musste der Terminplan eingehalten werden, denn die Gruppe wurde in der Sakramentskapelle des Kölner Doms zum Pilgersegen erwartet. Noch unter dem Jakobus am Petersportal gab es eine kurze Begrüßung durch den Schatzmeister der Jakobusbruderschaft und dann betraten wir den Dom. Die Sakramentskapelle erwies sich mit ihren etwa achtzig Plätzen als fast zu klein für unsere Gruppe. Einige mussten stehen.

Durch die Ansprache des Domdiakons Witte wurde manchem Teilnehmer erst so recht deutlich, dass wir mit der kurzen Strecke des heutigen Tages von nur 14 Kilometern, die uns von Köln nach Brühl führen soll, eigentlich am Beginn einer mehr als 2000 Kilometer langen Pilgerfahrt bis zum »Ende der Welt« in Nord-West-Spanien standen. Nach dem gemeinsam gesungenen Lied »Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land«, bei dem es in der fünften Strophe vielversprechend heißt: »Sein wandernd Volk will leiten der Herr in dieser Zeit; er hält am Ziel der Zeiten dort ihm sein Haus bereit«, ging die Gruppe in den Chor des Domes vor den Dreikönigsschrein, der zwischen 1181 und 1230 zur Aufnahme der Gebeine der Heiligen Drei Könige geschaffen worden ist, und erhielt dort den eigentlichen Pilgersegen – ein denkwürdiger Augenblick. Dann ein kurzer Blick noch auf das alte Jakobusfenster in der ehemaligen Jakobuskapelle (der zweiten Chorkapelle auf der Nordseite, heute Maternuskapelle genannt), das auch die Pilger früher beim Umgang im Chor vor Augen hatten, und dann ging es los – zunächst durch das samstägliche Einkaufsgewühl auf der Hohen Straße in Richtung Süden zur romanischen Kirche »St. Maria im Kapitol«. Die Passanten schauten verwundert auf manche in unserer eindrucksvoll großen Gruppe, die Muscheln um den Hals oder an der Jacke trugen. Unser Kölner Mitglied Herbert Simon hatte gar einen Pilgerhut mit Muschel, eine Pilgertasche mit Muschel und einen schön geschnitzten Pilgerstab dabei. Nun wird doch wohl jeder erkennen können, dass eine Gruppe von Jakobspilgern hier unterwegs ist. Im Mittelalter hätte jedermann Bescheid gewusst.

Gleichzeitig mit dem Aufbruch der Gruppe traf schließlich doch noch Hubert Röser, der sehnlichst erwartete Mann mit unseren Pilgerpässen, ein – frisch aus der Druckerei und aus dem Kölner Verkehrsstau. Der Einfachheit halber ging ich mit ihm in die Sakristei und wir beide ließen zusammen die Pässe für alle Teilnehmer durch den Domdiakon Witte mit dem Dienstsiegel stempeln. Das Siegel des Kölner Domes wird der Größe des Bauwerks gerecht und könnte mit mehr als 4 cm Durchmesser das imposanteste der gesamten Teilstrecke bleiben.

Der Besuch in »St. Maria im Kapitol« galt nicht nur den einzigartigen romanischen Türen, sondern diesmal natürlich vor allem den erhaltenen alten Glasfenstern mit zwei sehenswerten Jakobusdarstellungen. Der Kirchenführer meinte es gut mit uns und erklärte uns auch noch umfassend die Bedeutung der drei Konchen und die Krypta, die bekanntlich nach derjenigen des Kaiserdoms zu Speyer die zweitgrößte romanische Krypta in Deutschland ist. Der Weg nach Süden aus der Stadt heraus führte über den Waidmarkt. Hier wohnten und arbeiteten im Mittelalter die Blaufärber und Waidhändler. Das Gewerbe florierte und im 14. Jahrhundert schlossen sich die Waidhändler zu einer Zunft zusammen, die sie – wegen der Nähe zur Jakobuskirche – St. Jakobs-Bruderschaft nannten. Tatsächlich stand dort am Waidmarkt bis zum Beginn des 19. Jahrhundert neben der noch erhaltenen romanischen Kirche St. Georg die Kölner Jakobuskirche. Sie war 1071 vollendet worden und damit eine der frühesten Spuren der Jakobusverehrung in dieser Region. Heute ist alles verschwunden, was mit Jakobus zu tun hatte. Nicht einmal die »Jakobstraße« in der Nähe bezieht ihren Namen vom »wahren« Jakob, sondern vom bekannten Kölner Fabrikanten Johann Jakob Langen (1794 – 1869), der die Zuckerfabrik Pfeiffer & Langen hier in der Südstadt besaß. Allein ein modernes Jakobusfenster in St. Georg erinnert noch an die große Jakobustradition dieses Ortes. Es ist ein Werk des Niederländer Glasmalers Jan Thorn Prikker, der Ende der 1920-er Jahre an der Kölner Kunstgewerbeschule lehrte, und befindet sich westlich der langen Vorhalle von St. Georg. Diese Vorhalle, durch die man heute St. Georg betritt, entstand 1551/52 als Verbindungsgang zwischen St. Georg und der benachbarten Pfarrkirche St. Jakob.

Auf unserem Weg stadtauswärts wurde noch ein letzter Halt eingelegt, um die spätbarocke Elendskirche, die dem heiligen Papst Gregor dem Großen geweiht ist, von innen zu besichtigen. Sie war ehemals Friedhofskapelle für die »Elenden«, die Fremden (besonders Pilger), die Armen, die Heimatlosen, die Hingerichteten und die missliebigen Protestanten in reichsstädtischer Zeit. Jakob von Groote gründete 1678 eine Familienstiftung zur Abhaltung von Gottesdiensten in der Kapelle St. Michael. So konnte die Kapelle erweitert werden und erhielt den zusätzlichen Patron St. Gregor. Der Neubau im späten 18. Jahrhundert ist eine Stiftung von Franz Jakob von Groote, damals Bürgermeister von Köln, und seines Bruders Eberhard Anton, Kanonikus an St. Gereon und St. Maria im Kapitol. Die Kirche ist heute noch im Besitz der von Grooteschen Familienstiftung. Über dem Westportal verweist eine relieӿerte Allegorie auf den Tod, der – mit Tiara gekrönt – auf einem offenen Sarg triumphiert. Da die Kirche normalerweise verschlossen ist, ergab sich aufgrund dieses Pilgerprojektes die seltene Gelegenheit, die schöne Jakobusfigur auf dem linken Seitenaltar anzuschauen (Abb. 2). Von der seit 1963 benachbarten Niederlassung der Schönstatt-Schwestern aus wird das Gotteshaus heute betreut. Die Familie von Groote hatte noch einmal etwas näher mit dem Apostel Jakobus zu tun, denn ein Everhard von Groote war 1860 Herausgeber der bekannten Reisebeschreibung »Die Pilgerfahrt des Ritters Arnold von Harff« vom Ende des 15. Jahrhunderts, die bekanntlich auch nach Santiago de Compostela führte.

Abb. 2 Jakobusstatue auf einem Seitenaltar in der Elendskirche, Köln

Hinter dem Severinstor führte uns die Merowingerstraße schon bald aus den Häuserzeilen heraus und in den Grüngürtel von Köln. Leider hatten sich einige Teilnehmer an der Elendskirche so in ein Gespräch mit der freundlichen Schwester verwickeln lassen, dass sie den Aufbruch und damit den Anschluss verpassten. Aber dank der modernen Technik mobiler Telefone konnten sie einige Zeit später wieder zur Gruppe zurückgeführt werden. An der Markusstraße – so hatte man uns gesagt – bestünde die letzte »städtische« Möglichkeit, in einem nahegelegenen Restaurant die Toiletten aufzusuchen. Wir wollten davon eigentlich auch Gebrauch machen, aber angesichts unserer Hundertschaft trauten wir uns schließlich doch nicht, das elegante Speiserestaurant zu stürmen. Jedoch gab es in der Nähe die Eisdiele »van der Put«, die wohl unter Kölnern als Geheimtipp wegen ihres guten Speiseeises gilt. Also kam ein Teil unserer Gruppe erleichtert und mit einem Eishörnchen auf der Hand zurück. Viele der Wartenden hatten inzwischen ihre Brotzeit aus dem Rucksack geholt. Dabei sorgten die »Muschelbrötchen«, die Monika Meyer-Degen bei einer Velberter Shell-Tankstelle besorgt hatte, für besondere Aufmerksamkeit (Abb. 3).

Abb. 3
Muschelbrötchen, die Attraktion bei der Pilgerreise

Schließlich hatten wir die Vorstädte von Köln endgültig hinter uns gelassen und gingen über Feldwege in Richtung Süden. »Jakobus sei Dank« war der Regen der vergangenen Tage heute einem fast wolkenlosen Himmel gewichen. Die großmächigen Pfützen auf den Feldwegen ließen uns unser Glück vollends bewusst werden, dass wir den ganzen heutigen Tag mit dem Wetter haben sollten (Abb. 4). Der lange Zug der Pilger wechselte beim Wandern wie Zugvögel die Formationen, so dass sich immer neue Gesprächsgruppen bilden konnten. Die Zeit verging auf diese Weise wie im Fluge.

Abb. 4 - Heute hatte Jakobus für gutes Pilgerwetter gesorgt

Gegen 16.30 Uhr erreichten wir an der S-Bahn-Station Brühl-Vochem die Stadtgrenze unseres Etappenziels. Einige Mitpilger mussten sich bereits hier verabschieden, weil sie abends noch andere Termine hatten. Der größere Teil zog jedoch weiter bis zum Marktplatz im Zentrum Brühls. Hier fand an diesem Wochenende ein Frühlingsmarkt mit zahlreichen gastronomischen Angeboten statt. Nach der langen Wanderung wollten sich die meisten aber lieber sitzend bei einem Kölsch oder einer Apfelschorle im Brauhaus »Brühler Hof« erholen. Dazu blieb noch etwa eine Stunde Zeit, denn kurz nach

18 Uhr erwartete uns an der Kirche St. Margareten unser langjähriges Mitglied Prof. Dr. Günter Bers, um uns die Sehenswürdigkeiten der Kirche zu erläutern. Er verwies u. a. auf einen ehemals in der Kirche vorhandenen Jakobusbruderschaftsaltar, der sich heute in der nahegelegenen Gemeinde Kierdorf beendet. Brühl als Etappenziel kam also nicht von ungefähr, denn auch hier hatte die Jakobustradition eine große Vergangenheit.

Vom Küster in St. Margareten gab es abschließend noch den begehrten zweiten Pilgerstempel in unsere Pässe. Man verabschiedete sich gegen 19 Uhr mit einem herzlichen Dank an den Wanderführer der heutigen Strecke, Wilhelm Lensing, dem zweiten Vorsitzenden der Jakobusbruderschaft. Er hatte sämtliche Kontakte zu den Stellen geknüpft, die sich heute um unsere Pilgergruppe kümmerten. Alle Teilnehmer waren sehr zufrieden mit dem Verlauf des Tages und vereinbarten allerseits das Mitmachen bei der zweiten Etappe am 5. Mai. Manche fragte sich jetzt schon, ob ihnen die dann zu erwandernden 22 Kilometer von Brühl nach Euskirchen schwerer fallen würden? Und ob das Wetter wieder mitspielen wird? – Jakobus wird hoffentlich wieder alles richten! Ultrëya!

 

Von Brühl nach Euskirchen

Nach mehreren Tagen mit Regenschauern und Gewittern hatte Jakobus tatsächlich ein Einsehen mit uns Etappenpilgern und sorgte am Samstag, dem 5. Mai 2001, für trockenes Wetter. Nach den sommerlichen Temperaturen von 20 bis 25 Grad der vergangenen Woche war es merklich kühler geworden. Doch zum Wandern waren Temperaturen um 14 Grad eher angenehm. Ungefähr 70 Pilger versammelten sich um elf Uhr am Bahnhof Brühl. Manche hatten vorher schon ihren Wagen ans Ziel in Euskirchen gefahren und waren mit dem Zug zurück nach Brühl gekommen. Viele bekannte Gesichter von der ersten Etappe, aber auch einige Neu-Einsteiger waren dabei. Nach kurzer Begrüßung durch den Vorstand, brach man auf in Richtung Schloss Augustusburg und Schlosskirche. Das Residenz- und Jagdschloss mit dem herrlichen Treppenhaus von Balthasar Neumann und der schöne Landschaftsgarten von Peter Josef Lenné lädt zum Verweilen ein, aber unsere Gruppe hatte heute noch 22 Kilometer vor sich, so dass leider keine Zeit für eine Besichtigung blieb. An der Schlosskirche durften wir aber nicht einfach vorbeilaufen.

Die Schlosskirche war Ende des 15. Jahrhunderts als Klosterkirche »St. Maria von den Engeln« der Franziskaner erbaut worden. Der Name war in Anlehnung an die Basilika von Assisi gewählt worden und ist heute die Bezeichnung der in der Schlosskirche angesiedelten katholischen Pfarrgemeinde. Der Erzbischof und Kurfürst von Köln Clemens August (1701 – 1761) ließ die Kirche ab 1735 im Zusammenhang mit dem Bau von Schloss Augustusburg zur Hofkirche umbauen. Als Verbindungstrakt zwischen Schloss und Kirche ließ er die Orangerie bauen. Die lange, schmale Verbindung endet genau hinter dem Chor der Schlosskirche in einem kleinen Oratorium. Beim barocken Umbau der Klosterkirche wurde der Hochaltar von Balthasar Neumann entworfen und von Johann Wolfgang van der Auvera dekoriert. Mit dem lichtdurchfluteten Konzept eines durchbrochenen Altaraufbaus bis unter das Gewölbe ist ein spannungsreicher Gegensatz zur kargen Architektur des Innenraumes gelungen (Abb. 5). Auffällig ist ein drehbarer runder Spiegel in vergoldetem Rahmen. Wurde er aufgeklappt, so konnten die Gemeindemitglieder in der Schlosskirche ihren betenden Kurfürsten auf der Empore des kleinen angebauten Oratoriums sehen. Es muss wie eine übernatürliche Erscheinung inmitten des Hochaltares ausgesehen haben. Der überirdische Rang des Kurfürsten hätte nicht deutlicher sichtbar gemacht werden können. Ob dieses Schauspiel jemals so stattgefunden hat, bleibt allerdings ungeklärt.

Abb. 5 - Pilger in der Schlosskirche von Brühl

Nun gab es vom Küster der Schlosskirche noch für die Neu-Einsteiger den Stempel von Brühl in den Pilgerpass, den sich die Teilnehmer an der ersten Etappe bereits in St. Margareten geholt hatten. Dann wurde es ernst mit dem Wandern. Wir brachen vom Marktplatz nach Süden in Richtung Sportplatz auf, wo wir auf das schwarze Dreieck des Eifelverein-Wanderwegs trafen, das uns den ganzen Tag begleiten sollte. Die erste und einzige »Bergprüfung« des heutigen Tages bestand aus dem Anstieg zum Gabjeiturm, dem Brühler Wasserturm. Nun ging es entlang des Pingsdorfer Sees und des Villenhofer Maars durch ein Waldgebiet des Naturparks Kottenforst-Ville. Anfang Mai hatten die Buchen ihr erstes zartes Grün angesetzt und es war eine Wonne, durch diese frühlingshafte Landschaft zu wandern.

Abb. 6 - Swister Türmchen, Weilerswist

Nach dreieinhalb Stunden wurde eine erste kurze Rast am Swister Türmchen (Abb. 6) eingelegt, dem Rest der ehemaligen Kirche eines verschwundenen Weilers oberhalb des Swistbaches am Rande der Zülpicher Börde. Der Weiler an der Swist – Weilerswist – hat sich schon vor langer Zeit von ehedem 150 auf nunmehr 110 Meter Meereshöhe zwischen den Zusammenfluss von Swist und Erft verlagert. Bei der Burg Kühlseggen erreichten wir die Erft und wanderten bis Euskirchen an ihr entlang – abgesehen von einem kleinen Abstecher nach Groß Vernich. Dort erwartete uns kurz nach 15 Uhr Pfarrer Burkhard Hoffmann, um uns seine Pfarrkirche Hl. Kreuz zu zeigen und uns den Pilgersegen zu erteilen. Das besondere Kunstwerk in der Kirche ist ein spätromanisches Holzkruzifix aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein großartiges Reliquienkreuz von enormen Ausmaßen, das Godefridus Schwingler, der letzte Abt des im Jahre 804 aufgehobenen Benediktiner-Klosters in Köln-Deutz, im 19. Jahrhundert mit nach Groß Vernich gebrac

Abb. 7 - Im Pfarrsaal von Groß Vernich, Weilerswist

Eine Gruppe um Frau Elfriede Gummersbach und Frau Knappstein-Schmitz, die vor einigen Jahren eine Fahrt nach Santiago de Compostela unternommen hatte, ließ es sich nicht nehmen, unsere Pilgergruppe mit Kaffee und Kuchen im Pfarrsaal zu empfangen (Abb. 7). Angesichts der kühlen Außentemperatur tat es allen zur Halbzeit der Wanderung gut, sich bei heißen Getränken und Gebäck ein halbes Stündchen auszuruhen. Auch die Dienstsiegel von Hl. Kreuz und St. Mauritius in Weilerswist lagen für unsere Pilgerpässe bereit und wurden gerne benutzt. Es sieht jetzt schon so aus, als ob die zwölf vorgesehenen Stempelfelder nicht ausreichen werden, wenn bei jeder Tagesetappe gleich mehrere Stempel hinzukommen.

Als Wanderführer mahnte ich schon bald wieder zum Aufbruch. Gestärkt konnten einige die Kilometerzahl pro Stunde noch etwas erhöhen und die Gruppe war bald weit auseinander gezogen, zumal nun bei manchen älteren Wanderern die Knie und die Füße schmerzten. Wer in der Ville noch bei fast jedem Veilchen und Maiglöckchen stehen geblieben war, wer am Swister Türmchen noch den großen Bestand an Lungenkraut bewundert hatte, der hatte hier entlang der Erft kaum noch einen Blick für den roten Hartriegel, der jetzt im Frühjahr so schöne weiße Dolden aufwies.

Kurz nach sechs Uhr erreichten wir über unterschiedliche Einstiege unseren Zielort Euskirchen, trafen aber bald an der Martinskirche alle wieder zusammen. Euskirchen war einst ein von den Herzogen von Jülich stark befestigter mittelalterlicher Ort gewesen, wurde aber im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört. Nur um die Martinskirche herum blieb ein Stück der alten Stadtmauer erhalten. Die ältesten Reste der Martinskirche sind das mächtige Untergeschoss des Westturms und das Mittelschiff, das ursprünglich ein Kreuzgratgewölbe besaß. Die steile Raumform entstand am Ende des 12. Jahrhunderts, denn der spätromanischen dreischiffigen Basilika könnte eine schmalere, einschiffige Kirche vorausgegangen sein. Um 1300 vergrößerten die Bürger den Chor. Im 15. Jahrhundert baute man die Seitenschiffe in spätgotischen Formen neu auf. Auch die Gewölbe stammen aus dieser Zeit. Von der Ausstattung ist vor allem der Antwerpener Schnitzaltar (um 1520) zu erwähnen, der jedoch seine Flügel, die ursprüngliche Predella und das Gesprenge verloren hat. Das Gehäuse wurde 1863 erneuert. In den Unterbau des Hochaltares sind alte Figuren des Jakobus und Johannes eingefügt worden. Da Jakobus zur Heiligen Sippe gehört, die im Mittelfeld dargestellt ist, kommt »unser« Heiliger gleich zweimal im Hochaltar vor. Auch bei den acht kleinen, ehemals vielfarbigen Skulpturen an den Diensten des Obergadens ist Jakobus d.Ä. dabei – auch wenn man ihn an dem abgebrochenen Pilgerstab kaum noch identifizieren kann. Offenbar hat der hl. Jakobus in der Martinskirche eine gewisse Bedeutung gehabt, denn in einer Urkunde aus dem Jahre 1680 sind acht Nebenaltäre erwähnt, darunter auch ein Jakobusaltar.

Zum Abschluss warfen alle noch einen kurzen Blick auf das schöne romanische Taufbecken aus Namurer Blaustein in der Taufkapelle. Es stammt aus dem 12. Jahrhundert und weist fremdartig aussehende Masken und Monstren auf. Die Gruppe löste sich dann auf, nicht ohne sich für die nächste Etappe am 19. Mai wieder zu verabreden. Achtzehn Teilnehmer aus der Gruppe machten von dem Angebot Gebrauch, sich anschließend im Hotel Europa zu einem deftigen Pilgermahl zusammen zu setzen. Bei Lammfilet, Spargel oder »SchniPoSa« waren die Strapazen des Weges schnell vergessen. Zu bemerken ist vielleicht noch, dass – anders als in Brühl – dazu kein Kölsch mehr getrunken wurde, sondern bereits Bitburger Pils. Eifel, wir kommen!

Abb. 8 - Streckenbesprechung beim Start in Euskirchen

Von Euskirchen nach Bad Münstereifel

Wie viele Teilnehmer mochten sich wohl für die dritte Etappe von Euskirchen nach Bad Münstereifel interessieren? »Kommt heute vielleicht nur noch der harte Kern?«, fragten sich die Initiatoren des Etappenpilgerns. »Oder haben die Presseankündigungen in den lokalen

Zeitungen möglicherweise neue Interessenten angelockt?« Nun, es kamen am Samstag, dem 19. Mai 2001, wohl beide Aspekte zusammen: Tatsächlich gab es aufgrund der beiden ersten Etappen schon viele bekannte Gesichter und mit einem freudigen Lächeln erkannten sich diese Pilger wieder. Aber auch einige Debütanten konnte Prof. Dr. Gerd Gellißen, der Wanderführer dieser Etappe, beim Start um 11 Uhr am Bahnhof Euskirchen begrüßen (Abb. 8). Die meisten hatten – der Empfehlung des Handzettels folgend – ihr Auto zuvor zum Ziel gebracht und waren mit der Bahn zurück nach Euskirchen gereist. Dabei hatte einer unserer zwei »Pilgerhunde«, die auf dieser Etappe wieder mit dabei waren, im Zug den Fahrkartenkontrolleur so energisch angebellt, dass dieser auf jede weitere Überprüfung der Tickets unserer Pilgergruppe verzichtete (Abb. 9). Das war gut so, denn einige hatten im Kampf mit den Tücken des Fahrkartenautomaten versehentlich eine zu billige Zonentaste gedrückt – was sich nach dem Einwerfen der Münzen wohl nicht mehr korrigieren ließ. Das für den Kontrolleur bereit gehaltene Geld zum Nachlösen konnte so für eine Kerzenspende beim Kirchenbesuch in Bad Münstereifel verwendet werden.

Abb. 9 - Der “Schrecken der Kontolleure”

Gegen 11.15 Uhr setzten sich die etwa 70 Teilnehmer durch den Hinterausgang des Euskirchener Bahnhofs in Bewegung. Die Autofahrer staunten nicht schlecht über die lange Menschenschlange, die sich bemühte, dem Straßengewirr des Gewerbegebietes möglichst rasch zu entkommen und die offene Landschaft zu erreichen. Manche Autos hielten geduldig solange an, um der Gruppe eine Chance zu geben, gemeinsam die Bundesstraße zu überqueren. Schon bald war die Pilgergruppe weit auseinander gezogen – die geübten Langstreckenwanderer eilten vorne weg und die vom durchaus flotten Pilgertempo überraschten Neulinge waren um Anschluss bemüht. So zog man durch die Bördenlandschaft, die hier der scherzhaften Bezeichnung »Rübenlandschaft« alle Ehre machte, und später im Schatten hoher Pappeln über grüne Feldwege die Erft entlang.

Ein kurzer Blick auf den als Pilger gekleideten hl. Rochus in der Martinskirche des großen Dorfes Stotzheim machte Mut, um den ersten Anstieg ins Vorgebirge der Eifel in Angriff zu nehmen. Wie auf einer Insel mitten in einem Waldsee liegen hier verwunschen romantisch die stattlichen Ruinen der Hardtburg (d. h. »Burg im Walde«), einer typisch rheinischen Wasserburg, die Mitte des 14. Jahrhunderts vom Kölner Erzbischof Walram von Jülich im Rahmen der territorialen Kriege des hohen Mittelalters zur mächtigen Festungsanlage ausgebaut wurde. Überhaupt findet man in dieser Gegend viele befestigte Burgen, da hier die Gebiete von Kurköln und Jülich recht verwinkelt aufeinander trafen. Anders aber als viele Burgen in der Ebene wurde sie nicht im 16. oder 17. Jahrhundert zu einer Wohnburg umgebaut, sondern vermittelt heute noch das Bild einer mittelalterlichen Wehrburg. Die kurze Rast an der Hardtburg nutzte der eine, um sein Verpflegungspaket anzubrechen, und der andere, um die Aurora-Falter auf den Blüten des Wiesen-Schaumkrauts zu beobachten. Weiter führte uns der Weg an der keltischen Fliehburg »Alte Burg« vorbei. An manchen Stellen waren die doppelten Ringwälle aus der Zeit um 100 v. Chr. noch gut zu erkennen. Von hier oben hatte man eine schöne Aussicht über das Erfttal mit dem Weiler Kreuzweingarten. Dieser Ort am Rande der Eifel besitzt einige hübsche Fachwerkhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die uralte Pfarrkirche Zum Heiligen Kreuz wurde hoch über dem Dorf auf einer angeschütteten Bergnase erbaut, so dass die Stützmauern regelmäßig kontrolliert und ausgebessert werden müssen. Pfarrer Prüm empfing uns in der Kirche mit einer kleinen Führung. Das bunte Stilgemisch der Innenausstattung in barockisierenden Formen erklärte er mit dem Hinweis auf die »gute Stube« einer Wohnung, in der man auch ständig etwas Neues anschafft und deshalb manche Dinge verstellen oder anderswo unterbringen muss, wenn man sich nicht davon trennen will.

Zum 1100-jährigen Bestehen des Ortes Kreuzweingarten (früher: Weingarten) im Jahre 1993 wurde eine Festschrift veröffentlicht, für die Friederike Kuhl einen Artikel über die alten Kirchenbücher der Gemeinde aus dem 18. Jahrhundert geschrieben hat. Darin erfahren wir, dass wir nicht die ersten Jakobspilger sind, die diesen Weg über Kreuzweingarten nehmen: »1723 am 28. Mai verschied im Herrn ein Jakobiter (»Iacobita quidem«, also ein Jakobspilger – oder etwa ein Anhänger der Syrisch-Orthodoxen Kirche?) mit Namen Joseph N., der aus der Gegend bei Wien in Österreich stammte, wie sein Gefährte angab, und auf dem Rückweg von Compostela war. Er wurde vom Schlagfluß getroffen, erhielt wegen Versagens der Sprache die Absolution unter besonderer Bedingung und wurde mit der Letzten Ölung versehen. Die Beweisstücke seiner Pilgerschaft (Muschel oder Urkunde?) werden mit dem Pilgerstab in der Truhe des Schöffen in Billig aufbewahrt.« Man fragt sich, was diesen Pilger auf dem Rückweg nach Wien hierher gebracht hat? Wollte er vielleicht noch das Heilige Köln besuchen? Die meist knappen Eintragungen der Kirchenbücher werfen häufig mehr Fragen auf als sie beantworten.

Abb. 10 - Rast im Garten von Maria Rast, Euskirchen

Am Ortsausgang von Kreuzweingarten bewunderten wir die gut erhaltene Rinne und das steinerne Gewölbe der fast 100 Kilometer langen römischen Wasserleitung aus der Eifel nach Köln, die im 2. Jahrhundert gebaut wurde. Noch einen Kilometer durch den Wald und unsere schon länger ersehnte Mittagsrast war endlich gekommen – Nomen est Omen: Rast im Haus Maria Rast (Abb. 10). Etwas mehr als die Hälfte der heutigen 16 Kilometer (eigentlich waren nur 14 km geplant, aber der lohnende Umweg über Kreuzweingarten und Maria Rast führte zu dieser Verlängerung) waren zurückgelegt. Die Sonne hatte sich inzwischen ihren Weg durch die Wolken gebahnt, so dass die Pause im beschaulichen Garten der katholischen Bildungsstätte Maria Rast, die seit 1947 hier von den Schönstätter Marienschwestern als ihr Zentrum in der Erzdiözese Köln betrieben wird, genussvoll ausgedehnt wurde. Tatsächlich befanden wir uns hier bei den Schönstatt-Schwestern in der ersten Pilgerherberge auf dem Weg von Köln nach Santiago de Compostela! Denn die Schwestern von Maria Rast haben vor einiger Zeit schon zugesagt, dass sie (telefonisch angekündigte) Jakobspilger zu moderaten Preisen verköstigen und übernachten lassen wollen.

Ausgeruht und wohl gestärkt machten wir uns an den zweiten Teil der Wanderung. Wir verließen das Waldgebiet und streiften entlang der blühenden Rapsfelder, deren süßer Duft uns noch lange begleitete. Der Weg führte durch Iversheim. An einer Kreuzung im Ort entdeckten wir einen preußischen Meilenstein, der uns deutlich machte, dass bereits vor über 100 Jahren hier eine bedeutende Fernstraße entlang führte. Für eine Besichtigung der berühmten römischen Kalkbrennerei mit ihren sechs Kalköfen und für einen Blick auf die stehende Muttergottes (um 1430) in der Laurentiuskirche blieb heute keine Zeit, denn Joseph Matthias Ohlert, der bekannte Heimatforscher von Bad Münstereifel, erwartete uns um 17 Uhr in der ehemaligen Stiftskirche von Bad Münstereifel, um uns etwas über diese Kirche St. Chrysanthus und Daria sowie über die Spuren der Jakobspilger in Münstereifel zu erzählen. Nachdem wir das hässliche Gewerbegebiet durchquert hatten, zogen wir wie die alten Pilger durch das großartige Werthertor mit seinem fünfgeschossigen Mittelbau in die Stadt ein. Münstereifel ist zu allen Jahreszeiten einen Besuch wert (nicht nur wegen der Konditorei eines blonden Sängers mit Sonnenbrille und tiefer Stimme) und die vielen Touristen am heutigen Samstag bestätigten dies wieder eindrucksvoll. Die Stadtbefestigung – die besterhaltene im gesamten Rheinland – mit mächtigen Stadtmauern, 14 Wehrtürmen und vier Toren ist imposant, so dass die Atmosphäre, die den mittelalterlichen Pilger hier früher empӿng, auch von uns noch leicht nachvollzogen werden konnte. In Münstereifel waren die Tuchmacher, die Wollweber und die Rotgerber zu Hause. Eher weniger bodenständig muten heute die römische Glashütte, die Zinngießerei und die Printenbäckerei an, die sich als Touristenmagnet direkt vor einem Stadttor des Kneipp-Heilbades angesiedelt haben.

Das »Monasterium in Eiflia« ließ um 830 der Abt Markward der Benediktiner-Reichsabtei Prüm an einer Stelle des oberen Erfttales bauen, an der das Tal breit genug zur Besiedelung war. Im Jahre 844 wurden die Reliquien des römischen Märtyrerehepaares Chrysanthus und Daria aus Rom hierher übertragen. So entwickelte sich bald eine rege Wallfahrtstätigkeit und städtisches Leben um das Kloster herum. Schon in dieser Zeit bestand hier ein Pilgerhospital, denn viele Pilger aus der Niederrheinischen Bucht kamen nach Münstereifel oder machten hier auf dem Weg nach Prüm Station. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts wurde aus dem Kloster ein Stift. Die Klosterkirche wurde zu einem eindrucksvollen Münster erweitert, wobei das Westwerk sein größeres Vorbild St. Pantaleon (um 990) in Köln nicht verleugnen kann. Trotz mehrfacher Umbauten ist das bedeutende Westwerk von 1050 noch im Kern erhalten.

Im 14. Jahrhundert stiftete ein Münstereifeler Bürger das »Spital zum hl. Quirinus«, das bis zur Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts in der heutigen oberen Orchheimer Straße existierte. Erhalten geblieben sind die Hospitalsbücher, in denen u. a. auch von durchreisenden oder erkrankten Jakobsbrüdern die Rede ist. In der Stiftskirche befand sich auch ein Altar, der dem hl. Jakobus geweiht war und erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgebrochen worden ist. An dem Pfeiler über dem ehemaligen Altar entdeckte man bei Renovierungsarbeiten eine Jakobusdarstellung als Epitaph eines Stiftsherrn. Auch existierte im 15. Jahrhundert eine Jakobusbruderschaft in Münstereifel.

Es ist unzweifelhaft, dass wir hier auf unserem Etappenpilgerweg an einer außerordentlich wichtigen Station für die mittelalterlichen Jakobspilger angelangt sind. Noch eindrucksvoller als in Brühl sind hier die beurkundeten Spuren früherer Jakobspilger. Unser Kirchenführer Joseph Matthias Ohlert selbst hatte bereits im Jahrbuch des Eifelvereins 1986 und im Jahrbuch 1999 des Kreises Euskirchen über Einzelheiten der Hospitalsrechungen von Jakobsbrüdern berichtet. Die früheste Eintragung eines Jakobsbruders, der das Quirinushospital von Münstereifel in Anspruch nahm, stammt aus den Jahren 1608 / 1609: »Item den 2. Marty eines Jakobs Broders kind im hospital mit den pocen krank gelegen: 6a« (d. h. 6 Alben = 6 Silbergroschen). Eine besonders interessante Eintragung stammt aus den Jahren 1610 / 1611, als drei Männern am 22. April gegen Vorlage einer Bestätigung der beabsichtigten Jakobswallfahrt durch den Heimatpfarrer Almosen gegeben wurde und denselben drei Männern am 20. September auf dem Rückweg von Compostela – wiederum gegen Vorzeigen einer versiegelten Bescheinigung, dass sie tatsächlich in Santiago de Compostela gewesen waren – nochmals Almosen erteilt wurde. Fünf Monate hatten die drei Männer also für die Strecke von Münstereifel bis Compostela und zurück nach Münstereifel benötigt. Da steht uns ja noch einiges bevor! Aber in diesem Jahr wollen wir uns mit dem Teilziel Trier zufrieden geben. Wir durften übrigens überhaupt froh sein, dass man uns heute – zu Zeiten der Maul- und Klauenseuche – in die Stadt hinein gelassen hatte, denn – so berichtet ein Ratsprotokoll vom 15. November 1670 – zu Zeiten der Pest waren unter Androhung von Strafe keine »fremden Passanten, insbesondere Heiden, Ketzer und andere unbekannte Bettler und Jakobsbrüder« in die Stadt Münstereifel hinein gelassen worden. Wenn nicht die beginnende Vorabendsmesse dazwischen gekommen wäre, hätte uns Joseph Matthias Ohlert noch stundenlang über die Jakobusspuren in Münstereifel erzählen können. Da gibt es z. B. noch die drei Jakobsmuscheln im Familienwappen auf der Grabplatte der Margareta von Metternich. Auch im Giebel des Hängeepitaphs der Stiftsherren Arnold und Gotfried von Metternich findet man das Wappen der Metternichs wieder. Aber unsere Pilgergruppe wurde schon unruhig, denn noch stand das Stempeln der Pilgerpässe aus (Abb. 11). Herr Ohlert holte einen Stempel der Pfarrgemeinde und ein Stempelkissen aus der Jackentasche. Leider hatte man ihm nicht das Dienstsiegel, sondern nur einen einfachen Adressstempel mitgegeben. Nach den dekorativen Bilderstempeln vom Kölner Dom, aus Brühl, Groß Vernich und Euskirchen nimmt sich der Münstereifeler Stempel ein wenig schlicht aus. Aber in der Vielfalt unterschiedlicher Stempeltypen liegt natürlich auch der Charme eines Pilgerpasses.

Abb. 11 - Stempelstelle unter freiem Himmel, Bad Münstereifel

Es hätte noch viel Sehenswertes in Münstereifel gegeben – das zweigeschossige romanische Wohnhaus aus dem 12. Jahrhundert, das spätgotische Rathaus, die Jesuitenkirche von 1652, die historische Apotheke usw. Doch der Tag neigte sich schon langsam und unsere Pilgerfreunde mahnten zum Aufbruch. Doch einige stärkten sich noch in der »Alten Malzmühle« (als Jakobspilger traut man sich doch nicht »En de Höll« – einem Gasthaus am Orchheimer Tor) und tauschten Erlebnisse vom Tage aus, bevor die Heimreise angetreten wurde. Wer nicht mehr mit dem Auto fahren musste, gönnte sich zum Schluß noch einen »Stephinsky Magenbitter«, ein hochprozentiges Lebenselixier, das ein Münstereifeler Apotheker im Jahre 1859 kreiert hat. Ob es nun am Schnaps lag, jedenfalls bekräftigten beim Abschied alle, wie sehr sie sich schon jetzt auf das Wiedersehen bei der nächsten – hoffentlich wieder ebenso sonnigen – vierten Etappe am 9. Juni von Bad Münstereifel nach Blankenheim freuen.

Von Bad Münstereifel nach Blankenheim

Treffpunkt war am Samstag, dem 9. Juni, vor der Pfarrkirche St. Chrysanthus und Daria in Bad Münstereifel. Herr Joseph M. Ohlert, der uns beim letzten Mal so kundig durch die ehemalige Stiftskirche geführt hatte, war um 11 Uhr auch wieder dort und erwartete uns. Offenbar hatte unsere Nörgelei über den einfachen Adressstempel für unseren Pilgerpass bewirkt, dass er uns heute morgen dankenswerterweise noch die Möglichkeit verschaffte, im benachbarten Pfarramt ein schönes rotes Pfarrsiegel mit den beiden Kirchenpatronen zu erhalten. So ausgestattet machten wir uns mit fast 60 Teilnehmern auf die 18 Kilometer lange Strecke nach Blankenheim. Herr Jürgen Küppers, der sich in Münstereifel sehr gut auskennt, leitete die Gruppe beim Start und führte uns nicht sofort auf den Regionalwanderweg, den sog. Jugendherbergs-Verbindungsweg, der die Jugendherbergen von Münstereifel, Blankenheim und Hellenthal untereinander verbindet und Münstereifel in Richtung Westen verlässt, sondern schickte uns über eine hölzerne Treppe auf den Umgang der Stadtmauer. Im Gänsemarsch schritten wir hoch über dem Ort und genossen den Überblick. Schließlich passierten wir den Wallgraben, durchquerten den Kurgarten, stiegen aus dem Erfttal heraus, umrundeten halb das »Hähnchen« – einen über 400 Meter hohen Hügel – und stießen schließlich von Norden her wieder auf das JH des Eifelvereins. Wir hatten vor dem Hähnchen bereits Abschied genommen von der Euskirchener Börde. An klaren Tagen hat man von hier den letzten Blick auf die Türme des Kölner Domes, bevor man auf die Hochebene der Eifel gelangt. Wir hatten wieder unglaubliches Glück mit dem Wetter: Zwischen einigen regnerischen Tagen schien heute tatsächlich die Sonne bei angenehmer Wandertemperatur. Die Luft war jedoch etwas dunstig, so dass der Blick nicht bis Köln reichte. Aber der Kontakt nach Köln sollte über Handy hergestellt werden. Frau Peters vom »domradio« hatte ihren Anruf angekündigt, um mit dem Schatzmeister der Bruderschaft, Horst Degen, ein Live-Interview auf UKW 89,75 zu schalten. Doch hier mitten im Wald außerhalb von Ortschaften war die Handy-Verbindung so schlecht, dass es nur zu einem sehr kurzen Wortwechsel auf Sendung reichte.

Abb. 12 - Mittagsrast in Roderath, im Bild Prof. Dr. Gerd Gellißen und Jürgen Küppers

So zog unsere Gruppe durch dunklen Fichtenwald, bis wir schließlich nach Roderath gelangten (Abb. 12). Hier hatte unser heutiger Wanderführer Heinrich Wipper in der Gaststätte »Zum Jägerstützpunkt« vereinbart, dass wir eine Rast einlegen durften, die Toiletten benutzen und unser Picknick verzehren konnten. Lediglich die Getränke wurden bei der Gaststätte gekauft. Wir schleppten nicht nur sämtliche Tische und Stühle von drinnen nach draußen und eröffneten hinterm Haus einen großen Biergarten, sondern dabei auch allen Schmutz von den Sohlen unserer Wanderstiefel in die Wirtsstube. Die Wirtin ertrug unsere Invasion mit Fassung. Sie holte schließlich sogar noch ihren Franzbranntwein und rieb eigenhändig die schmerzenden Waden eines Mitpilgers ein, um ihn für die weitere Strecke wieder fit zu machen. So konnten wir nur rundherum zufrieden sein mit unserem Mittagsquartier und machten uns erst spät wieder auf den Weg. Noch nicht einmal die Hälfte war bisher geschafft. Also wurde das Tempo verschärft, denn am Ziel in Blankenheim erwartete uns Pfarrer Stoffels pünktlich um 17 Uhr.

Angesichts der erhöhten Geschwindigkeit verpassten es manche Pilger, unterwegs einen Blick auf die wunderschönen Wildblumen am Wegesrand zu werfen: Wiesenknopf, Lichtnelke und Esparsette. Sogar eine Teufelskralle schielte blauäugig nach den Jakobspilgern. Die Zielgerade vor Blankenheim wird von der ehemaligen Römerstraße gebildet – die Jakobspilger des Mittelalters waren also gewiss nicht die Ersten, die sich hier quer durch die Eifel geschlagen haben. So erreichten wir die alte Grafenburg oberhalb von Blankenheim, in der sich heute die Jugendherberge befindet. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurde in dieser Residenz glanzvoll Hof gehalten. Von den französischen Revolutionstruppen vertrieben, kehrte die gräfliche Familie nie wieder zurück. Die Einrichtung wurde verkauft, die Burg zerstört. Blankenheim fiel in einen Dornröschenschlaf. So blieben manche Straßenzüge mit mittelalterlichem Gepräge und Reste einer doppelten Ummauerung erhalten. In der um 1500 entstandenen einschiffigen Pfarrkiche St. Mariä Himmelfahrt empfing uns Pfarrer Stoffels und erklärte uns die kunsthistorisch interessanten Ausstattungsstücke, vor allem die drei zusammengehörigen spätgotischen Schnitzaltäre (Abb. 13). Uns interessierte natürlich mehr noch unser Jakobus, der zusammen mit den übrigen Aposteln als große polychrome Figur aus Tuffstein von oben auf uns Pilger hinunter schaute.

Abb. 13 - Pilgergruppe in der Pfarrkirche von Blankenheim

Danach zog unser Mitglied Ursula Nink ihre Flöte aus dem Rucksack und spielte die Melodie des alten deutschen Jakobsliedes »Wer das elent bawen wel«, des französischen Jakobsliedes »Quand nous partîmes« und des im 12. Jahrhundert in Santiago de Compostela niedergeschriebenen Hymnus »Dum pater familias«. Mit dem Vorspielen gab sich aber Frau Nink nicht zufrieden und stimmte das Kölner Jakobslied an. Davon sang die Pilgerschar die ersten fünf Strophen, gedacht auch als Ständchen für den Mitpilger Lothar Trué, der vor ein paar Tagen 70 Jahre alt geworden war. Zum Wandertag passte besonders die fünfte Strophe des Liedes:

  Durch die Eifel geht’s nach Trier,
  den heil’gen Rock verwahrt man hier
  im Dom aus alten Zeiten.
  Pilger zieh’n nach St. Mattheis,
  du kannst sie hier begleiten.

Mit unüberhörbarer Stimme sang dabei Pastor Stoffels mit, denn er kam gerade von einer Matthiaswallfahrt zurück. Zum Schluss drückte der Pastor jedem eigenhändig den Stempel in den Pass, der umfangmäßig wohl der kleinste der gesamten Strecke bleiben wird (Abb. 14). Aber die Größe eines Stempels macht es ja nicht alleine aus. Als die Teilnehmer das Gotteshaus verließen, hatten sie das Gefühl, dass die Blankenheimer Kirche durch den Besuch so vieler Jakobspilger, den freundlichen Empfang des Pastors und das Erklingen der Jakobslieder zwar nicht zu einer Jakobskirche, aber doch zu einer Kirche am Jakobsweg geworden war.

Abb. 14 - Pfarrer Stoffels stempelt die Pilgerpässe

Wenn man im Erholungsort Blankenheim ist, darf man es nicht versäumen, die Ahrquelle zu besuchen. Sie quillt unter dem Kellergewölbe eines Fachwerkhauses als kleiner Bach hervor und beginnt hier ihre Reise, bis sie nach 89 Kilometern bei Sinzig in den Rhein mündet. Die Organisatoren hatten sich tagsüber kritische Gedanken gemacht um den Rücktransport. Am Wochenende ist es in Blankenheim mit der öffentlichen Verkehrsanbindung nicht so gut bestellt. Aber es fanden sich genügend Autos, die bereits am Morgen an den Zielort gebracht worden waren, so dass alle wieder zurück fanden. Pilger sind es offenbar gewohnt, sich selbst zu organisieren, um alleine alle logistischen Probleme zu meistern. So hatte ein Mitpilger morgens seinen Wagen zum Ziel gebracht und war von dort mit dem mitgeführten Fahrrad zum Start geradelt, um nun seinen Drahtesel auf dem Rückweg mit dem Auto dort wieder einzusammeln. Mehr als zwei Dutzend müde Teilnehmer nahmen sich noch Zeit und Muße, um gemeinsam im Biergarten des »Kölner Hofes« ein Bitburger Pils zu bestellen und auf das Gelingen der vierten Etappe anzustoßen. Am 30. Juni geht es weiter mit der fünften Etappe nach Kronenburg.